Review

Blair Witch im Test: Der gruseligste Waldspaziergang aller Zeiten!

von Olaf Bleich | 02.02.2020 - 09:40 Uhr
Developer
Bloober Team
Publisher
Koch Media / Bloober Team
Release
31.01.2020
6.5

Spiele zu erfolgreichen Filmen besitzen seit jeher einen negativen Beigeschmack. Viel zu oft lieferten Entwickler hier unschönen Lizenzschrott ab, der bis auf den großen Namen herzlich wenig zu bieten hatte. Bei „Blair Witch“ ist dies anders: Bloober Team präsentiert ein ambitioniertes Horror-Abenteuer und hält sich bei der Versoftung stark an den Found-Footage-Klassiker aus dem Jahr 1999. So viel sei gesagt: Wer sich auf „Blair Witch“ einlässt, verbringt einige spannende Stunden bei ausgezeichneter Atmosphäre. Sucht ihr aber den schnellen Horror-Kick mit Jumpscare-Garantie, dann seid ihr vermutlich bei Titeln wie „Outlast“ besser aufgehoben.

Was wir gut finden

Ein Mann und sein Hund

In „Blair Witch“ steuert ihr den Ex-Polizisten Ellis. Ihn verschlägt es in eben jenen Wald außerhalb von Burkittsville, wo die mystische Hexe von Blair ihr Unwesen treiben soll. Er will dort nach dem verschwundenen Jungen Peter suchen. Zugegeben, für einen ehemaligen Ordnungshüter geht Ellis arg blauäugig an die Sache dran. Er hat weder Waffen noch die passende Ausrüstung für ein solches Unterfangen dabei. Ihm zur Seite steht lediglich sein treuer Schäferhund Bullet. Zu Beginn des Spiels dürft ihr die Fell-, Augen- und Halsbandfarbe eures Begleiters anpassen. Unser Tipp: Wählt helle Farben, dann seht ihr Bullet später besser.

Zwischen Fanservice und Langeweile

Die Interaktion der beiden ist eine der tragenden Säulen des Spiels. Mit Hilfe eines Befehlsrads lasst ihr Bullet etwa auf eurer Expedition nach Gegenständen suchen oder beordert ihn zurück, falls er sich einmal zu weit entfernt. Außerdem entscheidet euer Verhältnis zu dem Vierbeiner auch mit über das Ende eures Abenteuers.

Behandelt ihr ihn schlecht gibt es also womöglich ein anderes Finale als wenn ihr Bullet regelmäßig streichelt und mit Hundekuchen versorgt. Bullet ist eine wichtige moralische Stütze für den psychisch kranken Ellis. Denn sobald sich der Hund zu weit entfernt, plagen den Protagonisten Angstzustände und im schlimmsten Fall segnet Ellis sogar das Zeitliche.

Auch wenn das Zusammenspiel mit Bullet in „Blair Witch“ nicht immer fehlerfrei funktioniert und sich die Interaktionsmöglichkeiten wiederholen, so tröstet sie doch über die ansonsten recht spärlich gesäten Optionen hinweg.

Dicht am Film

In Sachen Stimmung hält sich „Blair Witch“ stark an die Vorlage. Mag der Wald anfangs noch einladend und freundlich wirken, verwandelt er sich des Nachts in einen wahren Albtraum. Bloober Team, die Macher hinter „Layers of Fear“, fangen die unheimliche Atmosphäre des Waldes ausgezeichnet ein. Grafisch rangiert das Gruselabenteuer auf gutem Niveau und die sehr lineare Erzählweise erlaubt die Darstellung teils herrlich schräg-gruseliger Momente. Je tiefer ihr nämlich in den Wald hinein geratet, desto stärker verändert sich auch die Umgebung und Ellis‘ Psyche.

Immer wieder ereilen ihn Flashbacks seiner Vergangenheit und irgendwann ist nicht mehr ganz klar, welche Schrecken Ellis‘ Verstand entspringen und welche gar „realer“ Natur sind. Der Wald verwandelt sich und so finden wir uns plötzlich in einem Kriegsszenario wieder, das auf Ellis Zeit bei der Armee hindeutet. Kenner der Filme entdecken zudem sehr viele Referenzen auf den Film wie beispielsweise die bekannte Hütte im Wald mitsamt der Handabdrücke an den Wänden.

Der Schrecken aus meinen Boxen

Ein besonderes Lob verdient sich „Blair Witch“ aber für das Sounddesign. Im Idealfall spielt ihr das Horror-Abenteuer mit Kopfhörer und in einem abgedunkelten Raum. Dann wirkt „Blair Witch“ so richtig. Die Geräusche des Waldes werden dann zu einem leisen Flüstern im Hintergrund und die hektischen Schockmomente gewinnen an Dramatik hinzu. Das Abenteuer lebt extrem stark von seiner Atmosphäre und davon, ob ihr euch von dem Szenario und der Geschichte gefangen nehmen lasst.

Was wir schlecht finden

Erzählerisch hintendran

Spielerisch ist „Blair Witch“ nämlich nichts Besonderes und erinnert stark an Walking-Simulator wie „The Remains of Edith Finch“, ohne jedoch deren Genialität erreichen zu können. Gerade die Nebenschauplätze – wie etwa Ellis Beziehung zu seiner Ex-Frau – packen einen nicht wirklich. Die Geschichte bleibt abseits des „Blair Witch“-Settings vergleichsweise dünn – trotz starker englischer Sprachausgabe.

Kurz und geradlinig

Das Spiel gönnt euch leider bei euren Erkundungstouren wenige Freiheiten. Und solltet ihr doch einmal auf die Idee kommen, euch etwas freier umzuschauen, stoßt ihr sehr schnell an die Grenzen der Gebiete. Soll heißen: „Blair Witch“ ist extrem geradlinig. Das kommt der Atmosphäre zugute, aber zugleich stört das minutiöse Absuchen der Gebiete auch den Gesamteindruck.

Auch die Rätseltiefe überzeugt nicht. Beispielsweise finden wir im Verlauf einen alten Camcorder mitsamt Tapes. Wenn wir diese an Schlüsselpunkt anschauen oder zurückspulen, können wir die Zeit zurückspulen. An einer Stelle etwa heben wir so einen umgestürzten Baum aus dem Weg. Sonderlich anspruchsvoll sind diese Aufgaben zweifellos nicht, auch wenn sie ordentlich zum Szenario passen.

Dröge „Kämpfe“

Unser Lowlight blieben aber die hektischen und nur schwer kontrollierbaren Kämpfe mit den nebulösen Schattenwesen. Diese verscheuchen wir mit Hilfe von Ellis‘ Taschenlampe, mit der wir uns sonst durch das Unterholz wühlen.

Jedoch müssen wir auch im Kampf in Bullets Nähe bleiben, ansonsten nimmt Ellis weiter Schaden. Diese Auseinandersetzungen fühlen sich extrem aufgesetzt an und sind in Verbindung mit der etwas hakeligen Steuerung wenig intensiv. Sie wirken wir ein unnötiger Bruch innerhalb der Atmosphäre. Uns wären an dieser Stelle mehr Stealth-Passagen deutlich lieber gewesen.

6.5
Pro
  • stimmungsvolle Umsetzung der Filmvorlage
  • solides Zusammenspiel mit Hund Bullet
  • starkes Sounddesign
Contra
  • unsichtbare Wände und hakelige Navigation im Wald
  • Kämpfe hektisch und unpassend
  • sehr kurz und arg geradlinig

Wertung und Fazit

Blair Witch im Test: Der gruseligste Waldspaziergang aller Zeiten!

An den Qualitäten eines „Blair Witch“ scheiden sich zweifellos die Geister. Wer ein Action-Adventure mit Entscheidungsfreiheiten und Optionsvielfalt erwartet, der ist hier ganz sicher falsch. Das Horror-Abenteuer erweist sich nämlich als geradliniger Grusel-Spaß, der thematisch stark an einen Walking-Simulator erinnert.

Die Interaktionsmöglichkeiten mit der Spielwelt ist somit ebenso streng vorgegeben wie der Lösungsweg. Die Geschichte, der Hauptcharakter Ellis mitsamt Begleiter Bullet und natürlich die „Blair Witch“-Atmosphäre stehen hier im Mittelpunkt. Wenn ihr euch darauf einlasst, dann könnt ihr mit dem Horrorspiel einige kurzweilige Stunden verleben. Die unzähligen Referenzen auf die Vorlage und auch die Thematisierung von Ellis' psychischer Erkrankung bilden dabei den roten Faden.

Grafik und Sound passen ausgezeichnet zum Setting und kreieren eine durchaus bedrohliche Stimmung. Kurzum: Wie das Found-Footage-Schauermär aus dem Jahr 1999 ist auch die Versoftung ein Liebhaberspiel für Freunde geradliniger Gruselerlebnisse.

Kommentare

  1. Moonwalker1980 sagt:

    War vorrauszusehen, dass es kein Action Adventure mit Entscheidungsfreiheit wird. Vielleicht irgendwann mal um ein paar wenige Kröten.

  2. DoktoreX sagt:

    Der Film war Schice, anscheinend ist knöpft das Spiel da an

  3. INFIZIERT sagt:

    @ DoktoreX
    Hast du ganz toll erklärt...

  4. bausi sagt:

    Man muss es halt sehen bzw. zu bewerten wie es ist. Es ist kein AAA open world Blockbuster, sondern ein lineares aber intensives Horrorgame. Mir hat es sehr gut gefallen und gerade zum Ende hin ist es schon heftig, man sollte aufjedenfall mit Kopfhörern zocken.

    Meiner Meinung nach min ne 8

  5. xjohndoex86 sagt:

    Ich sehe Bloober Titel oft in diesem Ratingbereich(6,5 - 7,5) und ich kann's nicht so wirklich nachvollziehen. Man weiß doch eigentlich welche Art Spiel oder besser gesagt Erlebnis man kriegt. Und ich finde, dass die Polen immer wieder tolle Arbeit abliefern im Exploration Adventure aka "Walking Simulator" (wie ich diesen dummen Begriff hasse) Bereich. Keine Referenzen aber eben gute 7,5 - 8 Werke. Aber gut, schon der Film - welchen ich als einen der besten Horrorfilme schlechthin ansehe - hat damals polarisiert. Blair Witch ist definitiv für dieses Jahr zu Halloween vorgemerkt.

  6. AlgeraZF sagt:

    Mir hat es soweit ganz gut gefallen. Würde eine 7,5/10 geben.

  7. Moonwalker1980 sagt:

    Infiziert: ja, scheinbar geht sowas nur mit einem Doktortitel. Einen Doktor im nix können würd ich da anknüpfen 😀 😉

    Bausi: wieso braucht man Kopfhörer? Jede gute und kraftvolle Sourround Anlage, die ordentlich eingemessen wurde ist jedem einzelnen Kopfhörer überlegen. Vorrausgesetzt man muss nicht in einer Wohnung mit 25 Nachbarn leben. (was bei mir zum Glück nicht der Fall ist!)

  8. bausi sagt:

    Ich finde die immersion mit Kopfhörern irgendwie noch etwas intensiver. Aber mit einer guten souround Anlage macht man sicher auch nichts verkehrt.

  9. PS4-Junkie72 sagt:

    Mit guten Kopfhörern ist das Erlebnis immer besser, egal, wie gut die Anlage ist. Hat man Kopfhörer der gehobenen Klasse die gutes 7.1 simulieren, hat jede Anlage das Nachsehen, da das Erlebnis direkt auf den Ohren stattfindet. Ich habe eine wirklich gute Soundanlage deren Ton mir die Helikopter direkt durchs Wohnzimmer fliegen lässt und das will ich nie wieder missen. Um nicht zu protzen erwähne ich hier mal nicht den Hersteller, würde hier eh wieder falsch verstanden werden. Ich weiss also, wovon du redest, @Moonwalker. Tipps oder Hinweise wie von bausi darf man da gerne annehmen, das wird hier in diesem Forum leider oft mit "Besserwisserei" verwechselt. Ich werde mir auch dieses Spiel holen. Die Bewertung ist mir Hupe. Es ist mein Genre und ich werde Spaß haben 🙂

Kommentieren